Affäre - Das Agentenpaar Mauss schlägt zurück
Kolumbien-Komplott
Artikel im Focus Ausgabe 46/97 von Josef Hufelschulte
Das Agentenpaar Mauss schlägt zurück und wirft deutschen Journalisten
„Pressekriminalität" vor
Die zweite Uhr am Handgelenk ist keine Protzerei. Mit jedem Blick aufs
Zifferblatt - die Zeiger sind auf deutsche Zeit sechs Stunden vorgestellt - ist
Ida Mauss in Gedanken bei ihren drei Söhnen daheim. Die Jungs, sechs, zehn und
14 Jahre alt, warten sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Eltern aus Kolumbien.
Das familiäre Happy-End ist nach harten Monaten der Trennung in Sichtweite: Das
Verfahren gegen den skandalumwitterten Privatagenten Werner Mauss, 57, und seine
Frau Ida, am 16. November 1996 wegen Unterstützung der Guerillagruppe ELN und
Beihilfe zur Entführung verhaftet, steht kurz vor der Einstellung.
Dennoch bleibt tiefe Verbitterung: Das Mauss-Duo sieht sich als Opfer einer
Intrigantentruppe - an der Spitze „Der Spiegel" und sein Ex-Reporter Hans
Leyendecker, heute leitender politischer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung".
In einem offenen Brief liest Ida Mauss ihrem Duzfreund, dem „lieben Hans", die
Leviten. Er sei maßgeblich schuld an der langen Zeit im Knast.
Das Agentenpaar, seit Ende Juli unter Auflagen aus dem Gefängnis entlassen,
leidet an den Folgen der Haft. Nie wird Ida Mauss vergessen können, wie sie fast
neun Monate in einer 1,60 x 1,80 Meter großen Zelle vegetieren mußte, umgeben
von 130 Mörderinnen und Giftmischerinnen.
Quälend sind die Erinnerungen an die endlose Einsamkeit, an die Folter des
systematischen Schlafentzugs. Die 37jährige, eine quirlige Italienerin, hat
jetzt Wut abgelassen. In einem offenen Brief an Ex-,, Spiegel "-Reporter Hans
Leyendecker beklagt sie die "Pressekriminalität" des Hamburger Magazins. Mehrere
Artikel und insbesondere ein von „Spiegel TV" ausgestrahlter Film, so behauptet
sie, „haben die kolumbianischen Behörden irritiert und deshalb unseren
Gefängnisaufenthalt erheblich verlängert."
Die Vorgeschichte: Im November 1995 begleitete Reporter Leyendecker mit mehreren
Kollegen das Ehepaar Mauss bei der Befreiung von zwei italienischen Ingenieuren
aus der ELN-Geiselhaft.
„Es wurde alles gefilmt“, schreibt Ida Mauss. „Anstatt Trost zu erhalten, wurden
die Befreiten gnadenlos vor die Kamera gezerrt."
Vor Antritt der Reportage war vertraglich vereinbart worden: Die
Mauss-Beteiligung an der Freilassung wird strikt geheimgehalten, Bilder und
Filmaufnahmen von dem Ehepaar dürfen unter Androhung einer „Konventionalstrafe
von 50.000 Mark pro Zuwiderhandlung" niemals gezeigt werden. Als das Agentenduo
jedoch ein Jahr später im November 1996 in Medellin verhaftet worden war,
berichteten „Spiegel" und „Spiegel-TV" kurz darauf über den konspirativen
Mauss-Trip in den Dschungel.
Die Folge: Fotos und Filme, die Werner und Ida Mauss unter anderem bei der
herzlichen Begrüßung von ELN-Kämpfern zeigten, wurden von der Staatsanwaltschaft
als klarer Beweis ihrer Kumpanei mit der Guerilla bewertet. Plötzlich drohten
den Deutschen 60 Jahre Haft.
Ida Mauss beschuldigt ihren Duzfreund Leyendecker persönlich, sie und ihren Mann
Werner trotz eines Ehrenworts für eine „Handvoll Dollar" verkauft zu haben. Mit
den Veröffentlichungen, behauptet sie, habe man sie und ihren Mann "physisch,
psychisch und moralisch erledigen" wollen.
Wörtlich heißt es: „Du, lieber Hans, hast das Geschäft Deines Lebens gewittert
und den Film aus dem Guerillacamp weltweit verkauft und so zusammengeschnitten,
daß wir dem Zuschauer als Hauptdarsteller kriminalisierend präsentiert wurden."
Wie sich der „liebe Hans" in Kolumbien benommen haben soll, hat Ida Mauss nicht
vergessen. Von den ELN-Leuten um einen Beitrag zur deutschen Kultur gebeten,
heißt's in dem Klagebrief, „hast Du vor mehr als 100 Guerilleros die
kommunistische Internationale angestimmt. In diesem Zusammenhang kann ich mich
noch gut an Deine Worte - links denken, rechts leben - erinnern."
Hans Leyendecker wies vergangenen Freitag die Mauss-Beschwerde in einer kurzen
Stellungnahme zurück: „Es war nicht meine Entscheidung, und es lag auch nicht in
meiner Kompetenz, diese Bilder zu bringen."
„Spiegel“- Chefredakteur Stefan Aust stand zu seiner Story: „Nachdem Mauss
verhaftet worden war und auch seine Rolle in diesem Geiselbusiness bekannt war,
wäre es journalistisch unverantwortlich gewesen, unser Wissen nicht zu
veröffentlichen."
Mauss-Anwalt Egbert Wenzel, empört über die „Preisgabe des
Informanten-Schutzes", möchte die Affäre auf seine Weise regeln: Er will den
„Spiegel" auf Schadenersatz verklagen. Es geht um Millionen.
Die Verbitterung über die Hamburger Veröffentlichungsflut sitzt so tief, daß das
Ehepaar die Untersuchungen der letzten Wochen kaum noch interessierte. Die
vermittelte Freilassung der entführten deutschen Manager-Ehefrau Brigitte Schöne
(FOCUS 48, 50/1996) gilt Beobachtern vor Ort nur noch als Lappalie. „Die Akte
wird in Kürze geschlossen", sagt ein hoher Justizbeamter in Bogota, „das Thema
ist ausgereizt."
Die Eheleute Mauss sprechen heute von einer Falle: Die auf lukrative
Geiselbefreiungen spezialisierte Londoner Firma Control Risks soll die
Antiterrorbrigade der Regierung gegen die lästige Konkurrenz aus Deutschland
aufgehetzt haben.
Zur Allianz der Verschwörer, neben Briten und deutschen Journalisten, zählt das
Agentenpaar auch politische Hardliner in Bogotá, die den von Mauss angekurbelten
Friedensprozeß zwischen der kolumbianischen Regierung und der Untergrundarmee
ELN torpedieren wollten.
Mit Erfolg: Die intensiv vorbereitete Unterzeichnung eines Waffenstillstands, im
Dezember 1996 unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzleramts in Bonn geplant,
platzte.
Doch Werner Mauss, von strenger Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt von Itagui
scheinbar ungebrochen, hat seinen Traum nicht aufgegeben. Gleich nach
Einstellung der Ermittlungen, so verkündeten es seine Anwälte vorab, wollen sich
der Mann für gewisse Fälle und die taffe Ida erneut um die Aussöhnung von
Regierung und Untergrundarmee bemühen.
Ein Troubleshooter wird dringend gesucht. „Kolumbien hat genug von diesem
entsetzlichen Blutvergießen. Die Menschen sind hungrig nach Frieden", sagt
Carlos Villamil Chaux, der im vergangenen Jahr im geheimen Regierungsauftrag
nach Bonn kam. Der Vertraute des Staatspräsidenten Ernesto Samper und frühere
Konsul in Berlin ist sicher: „Die Guerilla hat nach wie vor den Friedenswillen.
Und als geeigneten Vermittler, dem sie voll vertrauen können, wünschen sie sich
ausdrücklich die deutsche Regierung."
Abwinken indes in Bonn - niemand will sich wegen eines neuen Kolumbienabenteuers
in den Medien schelten lassen. „In unserer Außenpolitik haben wir andere
Prioritäten", betont ein Topbeamter des Auswärtigen Amtes.
Das Zentralkommando der Guerilla setzt gleichwohl auf alte Bonner Kontakte.
Staatsminister und Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, so kürzlich eine
interne Erklärung der ELN, halte den Schlüssel für den Frieden in der Hand.